Professor Dr. Martin Honecker

Predigt über Jeremia 29, 1. 4 – 14
am 11.11.2018
in der Thomaskirche Bonn-Röttgen

„Suchet der Stadt Bestes“ – ist dies nicht ein passendes Motto für eine Predigt zwischen zwei Landtagswahlen; vor kurzem in Bayern, am nächsten Sonntag in Hessen? Nun, ich habe dieses Bibelwort nicht bewusst ausgesucht. Es ist der für Sonntag vorgesehene Predigttext. Statt von Stadt könnten wir auch von Staat, Land, Region, Gemeinde, sogar Europa reden. Die Menschen, die Israeliten, denen der Prophet Jeremia aus Jerusalem schreibt, leben im Exil, in der Verbannung, in der Fremde. Deshalb hadern sie mit ihrem Schicksal, hoffen auf baldige Rückkehr in die Heimat, und halten an der Vergangenheit fest. In dieser Lage schreibt der Prophet einen Mahn- und Trostbrief: „Suchet der Stadt Bestes“, also richtet euch im Exil ein, klammert euch nicht an Erwartungen der Rückkehr. Baut Häuser, legt Gärten an, bearbeitet den Acker, gründet Familien. Passt euch der Situation an. „Suchet der Stadt Bestes“, dahin Gott euch durch den König Nebukadnezar nach Babylon hat wegführen lassen.

Was aber ist das Beste? Für den Propheten sicher nicht das Maximum dessen, was man überhaupt erreichen kann. Also sicher nicht „nur“ das Beste. Im hebräischen steht Schalom, das man mit Heil oder vielleicht genauer mit Wohl übersetzen kann. Schalom klingt fast wie ein Wortspiel mit Jerusalaim, Stadt des Heils, Stadt des Tempels, Stadt des Königs, der Nachkommen Davids, der Davididen, die jetzt in Verbannung in Babel leben müssen. Das Beste ist also das Wohl. Es heißt nicht: das Richtige. In der Politik heute muss man zumeist um die richtige Entscheidung ringen, sogar streiten. Da geht es nämlich um die am ehesten zumutbare, vertretbare Lösungen. Parlamentarische Beschlüsse, Regelungen sind zumeist Kompromisse. Es heißt auch nicht: das Gute. Gut und schlecht, böse, sind nicht dasselbe, wie richtig und falsch. Wer bei uns betont sagt, wir sind die Guten und die anderen sind die Schlechten, nimmt damit eine Wertung vor, die anders Denkende und Lebende abwertet. Jeremia schreibt eben nicht: ihr die Israeliten seid die Guten, eure Beherrscher, die Babylonier dagegen die Bösen, die schlechten. Nein, er schreibt: Suchet das Wohl der Stadt in der Verbannung. Welche Provokation dieser Brief für seine Empfänger darstellt, sieht man besser, wenn man die Situation vor Augen hat, in der der Prophet schreibt: Im Jahr 597 vor Christus hatte Nebukadnezar Jerusalem erobert und bestraft. Er nahm den König, die führenden Leute mit und hielt sie in Babel unter Kontrolle. Die Elite, auch die Priesterschaft war weg. Geblieben sind bloß die kleinen Leute, die Bauern und Handwerker. Das war bereits im Altertum eine gängige Strategie. Man beseitigte die Elite und ließ die einfachen Leute im Land. Man brauchte ja Menschen, die arbeiteten. In Israel lief dies allerdings damals völlig schief. Zehn Jahre nach dieser Wegführung kam es wieder zur Rebellion. 587 wurde die Stadt erneu erobert und völlig zerstört. Die im Anfang des Briefes genannten Namen belegen, dass der Brief Jeremias vor der endgültigen Zerstörung Jerusalems geschrieben wurde. Die Provokation des Briefes für die Empfänger besteht nun darin, dass Jeremia schreibt: Seht die Situation realistisch, gebt euch nicht falschen Hoffnungen hin.  Ihr seid jetzt in Babylon und nicht in Jerusalem. Macht euch keine Illusionen. Und der Prophet betont sogar, auch dies ist eine Provokation. Ihr könnt nicht nur in Jerusalem Gottesdienst feiern und beten. Gott ist nicht nur in Jerusalem gegenwärtig, sondern auch in Babel. Darum: betet für Babel. Denn wenn es euren Beherrschern wohl geht, geht es auch euch wohl.
Zu solcher Mahnung bestand nämlich damals durchaus Anlass. Im vorgeschlagenen Predigttext sind zwei Verse ausgelassen. In diesem Abschnitt warnt der Prophet im Namen Gottes, des Herrn Zebaoth: Lasst euch nicht durch die Propheten und Wahrsager betrügen, die bei euch sind, und nicht durch Träume betören“. Denn diese eure Propheten weissagen Lügen im Namen Gottes. Gott hat sie jedoch nicht beauftragt. Sie verkünden euch die Illusion, dass die Heimkehr nach Jerusalem unmittelbar bevorsteht und deshalb kein Grund besteht, sich in Babel einzurichten: Häuser zu bauen, Gärten anzulegen. Heiraten und Kinder zur Welt bringen ist auch nicht sinnvoll. Wartet damit, bis ihr wieder in Jerusalem seid. Jeremia warnt also vor Illusionen und falschen Hoffnungen. Bei uns gibt es freilich heute keine solche Propheten mehr, oder nur noch ganz selten. Aber stattdessen gibt es Ideologen, die Heil versprechen. Es gibt politische Stimmen, man nennt sie heute oft Populisten, die versprechen: wenn wir die Wahl gewinnen, dann werden wir alles von Grund auf ändern, und dann wird alles wieder gut. Es ist nicht zu bestreiten, dass man manches ändern kann und muss. Aber dass alles wieder gut wird, und dass dann alle Probleme beseitigt sind, die uns heute beschäftigen und belasten, das ist ein Irrtum. Dagegen spricht allein schon die Vernunft, der gesunde Menschenverstand. Der Klimawandel, das Bevölkerungswachstum beispielsweise in Afrika, die Kriegsgefahr in manchen Regionen der Welt, oder hierzulande die Abnahme der Bevölkerung und die dadurch entstehende Frage der Altersversorgung, die Rentenfrage, sind doch Realität. Jeremia, der damals den Fall Jerusalems und den Sieg Nebukadnezars selbst miterlebt hatte, war damals Realist. Realismus kann freilich zur Resignation führen, zu einer Haltung, die sagt: wir können doch nichts ändern. Hierzulande heißt es etwa: Warum wählen, es ändert sich doch nichts. Und das führt dann zu einem Rückzug ins Private und zur Einstellung: nach uns die Sintflut“. Genau vor dieser Haltung warnt der Prophet ebenso wie vor der Illusion: So schlimm wird es nicht werden, es ist immer noch gut gegangen. Bei Jeremia gibt e freilich auch Hoffnung. Er schreibt von einer Rückkehr nach Jerusalem. Allerdings seine Generation wird dies nicht mehr erleben. 70 Jahre dauert das Exil in Babylon. Aber Gott kann die Geschichte verändern und die Verbannung wenden. Darum sollen die Israeliten in Babylonien Gott anrufen und im Gebet um eine Änderung, um die Zusammenführung der Zerstreuten, die Rückkehr im Gebt bitten. Der Prophet verkündet damit weder Optimismus – „es wird schon alle gut werden“, habt keine Sorgen und Angst, noch einen Pessimismus: da ist nichts mehr zu machen, ihr seid eben Opfer von Krieg und Katastrophen geworden. Er rät stattdessen zu nüchternem Realismus. Liebe Hörer, Sie werden wohl herausgehört haben, welche Mahnung und welche aufklärende Bedeutung in unserem Text steckt, der als Brief vor zweieinhalb Jahrtausenden geschrieben wurde. Er ist von erstaunlicher Aktualität. Dabei kommt es nicht darauf an, die gegenwärtige Politik und ihre Einzelprobleme zu erörtern und zu diskutieren. Es geht vielmehr um eine gegenwärtig verbreitete Grundstimmung der Unsicherheit und um eine gewisse Ratlosigkeit, und dies, obwohl es uns wirtschaftlich gut geht. Man fragt sich selbst und manchmal wird man gefragt, wie wird es weitergehen und in welcher Lage wird die nächste Generation sein, was hat sie in Zukunft noch an Chancen. Das sind durchaus berechtigte und verständliche Überlegungen und Sorgen. Nun kann man fragen, warum wird dies auch noch in einer Predigt angesprochen. Das sind doch Einsichten der Vernunft, oder etwas schlichter und einfacher: das kann doch der gesunde Menschenverstand sehen und wissen. Die Anfrage ist richtig. Der große Theologe Karl Barth hat freilich einmal gesagt, der Heilige Geist sei kein Feind des gesunden Menschenverstandes. Deshalb kann dieses Bibelwort auch uns heute die Augen öffnen. Freilich das Land und die Zeit Jeremias waren anders; es war keine Demokratie. Das davidische Königtum war eine kleine Monarchie, wie es damals im alten Orient viele, Dutzende gab. Wir hingegen sind als Bürger, als Wähler, zur Mitverantwortung, zur politischen Verantwortung herausgefordert. Die politischen Verhältnisse haben sich fundamental verändert. Das ist zu sicherlich zu berücksichtigen.

Aber Grundfragen der Einstellung des Menschen zur Welt, in der er lebt, sind geblieben. Ich bin in letzter Zeit gelegentlich darauf angesprochen worden, wie schlimm doch die politischen Verhältnisse bei uns seien. Es gehe nur noch bergab. Durch unsere Gesellschaft gehe eine Spaltung und ein Riss. Und dann werden Beispiele genannt im Ton der Entrüstung. Ich bestreite zumeist diese Beispiele nicht. Es gibt Fehlentwicklungen und Missstände. Wenn ich zu nüchterner Sicht mahne, dann meint mein Gesprächspartner, ich sei halt ein unverbesserlicher Optimist, wohingegen er ein Pessimist sei, der mit dem Schlimmsten rechne. Und dann werden beispielsweise genannt: der amerikanische Präsident, der Krieg in Syrien, die Finanzpolitik in Italien, die Zuwanderung, das Asylproblem und anderes. Ich bin freilich kein Optimist, im Gegenteil skeptisch und vorsichtig, vor allem mit Heilserwartungen an die Politik. Ich bemühe mich um einen nüchternen Realismus. Warum?  Die Problembeschreibung ist schon wichtig. Aber wichtiger ist noch mehr etwas im Brief des Propheten, das bisher noch überhaupt noch nicht angesprochen wurde.

Warum sollen die Israeliten, die Juden im Exil das Wohl der Stadt suchen? „Betet für sie zu Herrn; denn, wenn es ihr, der Stadt wohl geht, so geht es euch auch wohl.“ „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suche werdet, so will ich mich von euch finden lassen“ – spricht Gott. Die Verbannten sind keineswegs gottverlassen. „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr, Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ Letztlich entscheidend ist nach Jeremia das Gottesverhältnis. Die Verbannten hatten bislang Gott nur im eigenen Land gesucht und gefunden. Nun erfahren, dass Gott auch im fremden Land bei ihnen ist. Das ist ein Lernprozess. Gott ist überall und man kann und darf ihn auch überall anrufen. Denn er ist Gott aller Menschen, -er hat keinen deutschen oder amerikanischen oder chinesischen Pass. Für manche damals in der Verbannung war dies eine umstürzende und neue Erkenntnis. Gott will sogar in Babel das Wohl der Menschen. Das ist eine Erkenntnis, die auch uns heute und hier zu denken gibt. Mögen auch die Vorstellungen von Gott bei den Migranten, bei Muslimen, aber auch bei Buddhisten und Andersgläubigen anders sein. Viele haben gleichwohl eine Ahnung davon, dass das Fassbare und Beherrschbare nicht alles ist. Gottvertrauen kann auch in der Politik Mut schenken. Mögen auch in der Zukunft Wolken dräuen, Gott wird auch in der Zukunft bei uns sein. Seine Gedanken sind Gedanken des Friedens und nicht des Leides. Ich halte deswegen die Gottesfrage für wichtiger als manches politische Kalkül. Keineswegs alles ist steuerbar, beherrschbar und kontrollierbar. Es bleiben Ungewissheiten, Überraschungen, positive wie negative.  Darum braucht man Gottvertrauen, das Mut zum Leben und Zuversicht im Blick auf das Kommende gibt. Ich halte die Gottesfrage für eine, ja für die zentrale Frage unserer Zeit. Was gibt Menschen Halt und schenkt Vertrauen in die Zukunft? Menschliches Machen stößt immer wieder an Grenzen. Grenzerfahrungen entmutigen, auch Politiker. Die Achtung solcher Grenzen kann freilich bescheiden und gelassen machen. Ich bin allerdings etwas zurückhaltend, wenn Politiker am Wahlabend von Demut sprechen. Gelassenheit und zuversichtliche Haltung zeigen sich im Handeln. Auch in der Kirche halte ich die Frage nach Gott und das Vertrauen auf Gott für vorrangig und Not wendender als manch andere Aktivitäten. Zeichen der menschlichen Grenzen und der Angewiesenheit auf Gott ist die Fürbitte, das Gebet für die Obrigkeit. Die frühen Christen selbst waren zwar machtlos. Sie konnten nicht mitbestimmen und mitentscheiden. Gleichzeit nahmen sie jedoch am politischen Leben teil, in der Fürbitte für die Obrigkeit. Gottvertrauen ist nämlich zugleich Weltvertrauen und schafft eine Einstellung zum Leben, die aktiv und mitgestaltend wird. Im 1. Timotheusbrief wird vom Gemeindegebet gesagt: Man soll für alle Menschen, für Könige und Obrigkeiten beten, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können. Das sei gut und wohlgefällig vor Gott, welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1. Timotheus 2, 1- 4). Noch knapper heißt in einem anderen Brief: „Fürchtet Gott, ehret den König.“ (1. Petrus 2, 17).  Denn die politisch Verantwortlichen respektieren, bedeutet eben nicht, das Heil von ihnen erwarten. Das ist und war schon die Botschaft der Aufforderung Jeremias: „Suchet der Stadt Bestes!“. Amen

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