aktionsmotivLiebe Fastengruppe,

heute Abend hätten wir uns zusammenfinden sollen. Wie wäre unser Austausch über die vergangene Woche wohl ausgefallen?

Unser Alltag hat sich in nur einer Woche grundlegend verändert und daran hängen viele Befindlichkeiten,Sorgen oder auch organisatorische Fragen, die zu klären sind. Durch welche Wechselbäder der Gefühle sind wir gegangen und gehen wir noch? Austausch würde uns jetzt besonders gut tun. Und genau das ist jetzt in unserer gewohnten Form eines persönlichen Zusammenkommens nicht mehr möglich.

Diese Fastenwoche steht unter dem Wort „Ich hoffte auf Licht und es kam Finsternis“ – so ist es wohl auch uns als Gruppe ergangen: Wir hatten uns vorgestellt, dass wir uns gegenseitig durch die Fastenzeit begleiten, das wir uns sieben Wochen lang ein „mehr“ an lichtvoller Zuversicht schenken. Stattdessen sitzen wir sozusagen „im Dunkeln“. Bei meinen Überlegungen für den heutigen Abend ist mir die biblische Geschichte von Jona im Bauch des Wals eingefallen und dazu ist mir eine Arbeit des amerikanisch-palästinensischen Künstlers Nida Sinnokrot (*1971) begegnet: "Jonah’s Whale" (2014).

 

Die biblische Geschichte kennt ihr/kennen Sie vermutlich alle: Der Prophet Jona bekommt den Auftrag, die Bewohner der Stadt Ninive zu warnen: Sie sollen und müssen ihr Leben grundlegend ändern, sonst werden sie und mit ihnen ihre Stadt untergehen. Jona flieht vor dieser Aufgabe. Er flieht nicht aus Angst vor den Menschen aus Ninive sondern weil er ihnen die Möglichkeit einer Umkehr und damit einer Rettung nicht gönnt. Er wünscht den Fremden keinen gütigen, nachgiebigen Gott, er wünscht ihnen vielmehr die göttliche Rache, die Vernichtung an den Hals. Jona will weit weg, er schifft sich ein – in dem naiven Glauben, dass Gottes Macht nur bis an die Landesgrenzen Israels reiche. Auf dem Meer zieht ein bedrohlicher Sturm auf. Die Seeleute, offensichtlich eine Truppe ganz unterschiedlicher Herkunft und Religion, versuchen alles, um sich und ihr Schiff zu retten, und sie beten „ein jeder zu seinem Gott“. Schon bald begreifen sie, dass es Jona ist, um den es hier geht – dass sein mächtiger „Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat“ ihm seinen Ungehorsam nicht durchgehen lässt. Und so werfen sie ihn schließlich, auf seinen eigenen Wunsch hin, über Bord. Im tosenden Wasser hat Jona nicht die geringste Chance – aber Gott lässt einen großen Fisch kommen, der ihn verschlingt. Drei Tage und drei Nächte verbringt Jona in Einsamkeit, Ungewissheit und Dunkelheit im Bauch des Wals – bis dieser ihn an Land speit. Denn Gott will Jona nicht töten, er will, dass er tut, was er tun muss.

 

Einsamkeit und Ungewissheit – das scheint auch unsere Lage jetzt ganz gut zu beschreiben. Alle unsere Pläne sind im Moment zunichte. Wir wissen nicht, wann wir uns wohl wieder einen Theaterabend erleben, eine Einladung annehmen, eine Reise planen können. Wann können wir unsere Freunde wiedersehen, wann unsere Familienmitglieder, die in einer anderen Stadt oder im Ausland leben? Wie geht es mit uns beruflich weiter? Werden wir gesund bleiben? Waren wir bislang große „Pläneschmieder“ ­– für Wochen, Monate, Jahre –und hatten wir prall gefüllte Terminkalender, müssen wir plötzlich von Tag zu Tag leben. In der Dunkelheit einer unklaren Zukunft sozusagen – obwohl draußen gerade die Sonne scheint. Die Entwicklungen scheinen uns täglich oder stündlich hin und her zu werfen, wir treiben auf unruhigem Wasser ohne Sicht, haben das Gefühl kaum noch etwas aktiv gestalten zu können. Kurz: Wir machen gerade eine Jona-Erfahrung.

 

Nida Sinnokrot, ein Künstler, der in den USA geboren wurde, in Algerien aufwuchs und heute in Boston und Jerusalem lebt und arbeitet, hat den Bauch des Wals in Form eines Schiffcontainers zur Darstellung gebracht. Ein Container, ein funktionaler, kalter Kasten, als modernes Pendant zum warmen, pulsierenden Fischleib der Bibel. Ein Container, dem man an seinen Gebrauchsspuren ansieht, dass er vermutlich viele Tonnen an Waren über die Weltmeere getragen hat. Ein Container, dem man nicht ansieht, was er transportiert hat: Lebensmittel, Medikamente, Kleidung, Waffen, Drogen, Menschen? Ein Container, dessen Dimensionen für unsere riesigen, globalen Warenströme stehen, die uns ständig mit allem versorgen, was wir brauchen oder zu brauchen meinen. Ein Container als Bild für unseren unstillbaren Hunger nach Gütern und für einen machtvollen Welthandel, der Menschen in allen Kontinenten verbindet, der aber auch mit Ausbeutung und Unterdrückung operiert.

 

Sinnokrot hat diesen Container mit elf brachialen Schnitten zerlegt und seine Innereien freigelegt: Stahl, Gips, Isolierung, Teppichreste, eine Matratze. Das Fenster im Hintergrund lässt erahnen, dass dieser Container noch ein zweites Leben hatte: Er diente erst israelischen Siedlern als Wohnwagen und später als Baustellenbüro in Palästina. Und jetzt in seiner künstlerisch verwandelten Form enthüllt er trotz seiner ruinösen Unansehnlichkeit eine fast sakrale, geheimnisvolle Schönheit. Durch die Zerlegung seiner Außenhaut dringt Licht in das Dunkel und erweitert den eigentlich hermetisch geschlossenen Raum ins Offene, Luftige. Dunkelheit war gestern!

 

Sinnokrat führt vor, wie sich Dinge verwandeln lassen – dadurch, dass wir etwas neues, etwas besseres aus ihnen machen. Vielleicht gerade heute ein tröstlicher Gedanke!

 

Jona hat wechselvolle Erfahrungen gemacht und Ängste durchgestanden: auf einem schwankenden Schiff, in der Tiefe des Wassers, in der Dunkelheit des monströsen Tierleibes. Noch im Bauch des Fisches, noch im Ungewissen betet er:

 

„Du warfst mich in die Tiefe,

mitten ins Meer,

dass die Fluten mich umgaben.

Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich,

Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben,

die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt.

Ich sank hinunter zu der Berge Gründen,

die Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.

Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt.“

 

[Ein Bild von Nida Sinnokrots Kunstwerk sende ich Ihnen gerne via Email zu - schreiben Sie dazu bitte an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!]

 

Dr. Martina Padberg

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